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Die reichen Länder sind die ärmsten der Armen,
wenn die Abtreibung dort erlaubt ist

Bevor wir uns dann wieder auf den Weg zur Rosemarie Lane Nummer 33 machen, unterhalten wir uns noch über die Waisenkinder, die dort bei den Missionaries of Charity ein neues Zuhause gefunden haben: "Abtreibung ist Mord", sagt Mutter Teresa, "und deshalb müssen wir jeder Mutter in Not beistehen." Ihr Rezept: "Wir bekämpfen Abtreibung durch Adoption." Und mit Blick auf die weltweite Situation erläutert sie: "Die reichen Länder, in denen kein materieller Mangel herrscht, sind die ärmsten der armen, wenn die Abtreibung dort erlaubt ist. Ich möchte in diesen Ländern viele Heime für Kinder eröffnen. In ganz Indien haben wir bisher keinem einzigen Kind die Aufnahme verweigern müssen, Gott hat uns immer die Mittel gegeben, alle Kinder aufzunehmen und viele zur Adoption an Familien zu vermitteln".

Sicher 90 der Kleinen sitzen im ersten Stock auf dem Boden, im Raum gleich neben der Kapelle. Von den Teresa-Schwestern werden hier Slum-Kinder unterrichtet, die sonst niemals eine Schule besuchen könnten.
Mit drei der Ordensfrauen gehen wir zum Markt, um Fisch zu kaufen. Schwester Elthel Rose feilscht wie ein Marktweib, während Myriaden von Fliegen sich an dem Meeresgetier gütlich tun. Man wird sich einig, und der Fischhändler schneidet am stehenden Messer die silbrig glänzenden Schuppentiere in Teile. Von der Waage gleiten sie in die Handflächen, Ladung um Ladung. Weit über 100 Kinder und Kranke warten in Pilkana auf ihr Mittagessen.

Im Kinderhaus angekommen, verweilen die Schwestern zuerst im Gebet vor der blau-bemäntelten Madonna, umringt von den Kleinen, die aufgeregt die Frauen im Sari begrüßen als wären sie ihre Mütter. Bubu, ein blinder Zweijähriger, schmiegt sich an die Wange von Schwester Corona, sichtlich dankbar für jeden Körperkontakt.
21 Helferinnen sind hier schon seit Stunden mit Wickeln und Baden, mit Waschen von Wunden und mit dem Verteilen von Medikamenten beschäftigt. Da ist ein Baby, das Schwester Ethel Rose von der Straße aufgelesen hat. Einige wurden von ihren Müttern vor dem Kinderhaus ausgesetzt, in der Gewißheit, daß sie hier überleben und gut erzogen werden. Viele sind Strandgut des nahen riesigen Bahnhofs an der Howrah-Brücke.
Im Obergeschoß besuchen wir die Erwachsenen, während Bubu inzwischen Platz auf meinem Arm gefunden hat. Rund 50 Kranke, Entstellte, Unterernährte, Tuberkulöse und Verwundete liegen hier, Bett an Bett in einem großen Raum. "Die meisten der Patienten haben wir im Bahnhof aufgelesen", so Schwester Corona, die die eiternde Armwunde einer alten Frau verbindet. In einer Ecke des Raumes sitzen drei Helferinnen vor Nähmaschinen und sorgen für passende Kleidung, während sich Bubu auf meinem Arm sichtlich wohl zu fühlen beginnt. Er erkundet tastend mein Gesicht, er plappert und ruft seinen eigenen Namen.

Gut 50 der Kleinen leben zur Zeit in diesem Haus. Sie werden gekleidet, erzogen und geliebt. Diese Kinder haben Zukunft. - Wieviel Tausende es in allen Teresa-Häusern überall auf der Welt sind, hat niemand gezählt. Wieviele hier aufgepäppelt und dann von einer Familie adoptiert worden sind, weiß niemand zu sagen. So gigantisch wie das Wunder, daß es den Teresa-Schwestern nie an den Mitteln fehlt, diese Arbeit weltweit zu finanzieren, obwohl sie keine Spendenwerbung betreiben, so gigantisch ist das Gottvertrauen: "Gott weiß, was nötig ist. Er hält unsere Arbeit in
Gang."

Der blinde Bubu - sein linkes Auge ist verschlossen, verklebt, sein rechtes milchig trüb - ist mit seinen herrlich schwarzen Wimpern und Augenbrauen ein schöner Junge. Er hat meinen Kugelschreiber entdeckt und beginnt ihn zu erkunden. Bubu, ein Mensch, dessen warmen Atem ich spüre, hat Glück gehabt. Durch die Schwestern ist ihm der Tod in der Gosse erspart geblieben, und vielleicht finden die Ordensfrauen sogar eine Familie, die ihn adoptiert.


Fotos mit freundlicher Genehmigung des Pattloch-Verlages.
Entnommen aus dem Buch "Danke Mutter Teresa" ISBN 3-629-00095-9


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